Kirche St. Georg - Hofbieber
Kirche St. Georg - Hofbieber
Ein Abgesang auf die ehemalige Pfarrkirche in Hofbieber
Die „Hoffartstürme von Hofbieber“
Als ich vor mehr als 50 Jahren an die Biebertalschule nach Hofbieber versetzt wurde, begrüßte mich mein langjähriger Pfarrer vom Florenberg, Paul Wehner, eine Tages nach einem Gottesdienst in Dirlos: „Na, wie geht’s denn dem Junglehrer in Hofbieber im Schatten der Hoffartstürme?“Als er meine hochgezogenen Augenbrauen sah, musste er sich erklären: „ Hofbieber hat die einzige Dorfkirche, die ich kenne,die zwei so große mächtige Glockentürme hat !“ Im anschließenden Gespräch meinte er dann wohl etwas launig: „Die Hofbieberer hielten sich schon immer für was Besseres.“ Ich war damals noch jung und wagte einem Hochwürden nicht zu widersprechen.
Nachdem ich mich in Hofbieber immer wieder intensiv mit der Geschichte des Ortes und der Pfarrei beschäftigt habe, kann ich nur feststellen, dass ich das mit der Hoffart nicht bestätigt fand. Die Aussage „mit der einzigen Dorfkirche in Deutschland mit zwei Türmen“ konnte ich bei meinen Reisen durch Deutschland nicht verifizieren.
Die erste Kirche in Hofbieber ist aller Wahrscheinlichkeit auf einer alten heidnischen Opferstätte errichtet worden. Als Datum wird das 12. Jahrhundert vermutet,andere meinen, es wäre wohl eher um 1350 gewesen. Erster Patron war von Anfang an der hl. Georg. Dass man geraden diesen Heiligen gewählt hat, hängt wohl eng mit der Mutterpfarrei Margretenhaun zusammen. Die hl. Margareta, eine griechische Königstochter, die dem Ort und der Pfarrei ihren Namen gab, wurde einer alten Legende nach um das Jahr 300 vom hl. Georg aus den Klauen eines Drachen befreit. Der hl. Georg war gewissermaßen die Nabelschnur zur Mutterkirche nach Margretenhaun. Als zweiten Patron wird im Jahre 1656 der hl. Nikolaus erwähnt, den später allerdings der hl. Sebastian verdrängt hat.
An dieser „Rangordnung“ der Heiligen hat sich auch in der neuen Kirche von 1901 nichts geändert. Den hl. Ritter Georg mit dem Drachen findet man zweimal in der neuen Kirche wieder: einmal im Giebelfeld der Westfassade (außen) als große Steinplastik und zum anderen im rechten bunten Glasfenster im Chor. Im linken bunten Seitenfenster ist an den vielen Pfeilen der hl. Sebastian zu erkennen.Über der Tür zur Sakristei findet man den 3. Kirchenpatron, den hl. Bischof Nikolaus, eine barocke Holzfigur mit Bischofsstab und einem mit Buch mit Goldstücken.
Als die alte Pfarrkirche dann in die Jahre gekommen war, löste ein Gutachten von Pfarrer Schmülling an die Geistliche Regierung in Fulda einen hundertjährigen, immer wiederkehrenden Streit aus. In diesem Schreiben von 1791 plädierte der Geistliche für den Abriss des alten, maroden und baufälligen Gotteshauses. Doch das sollte erst der Anfang von vielen folgenden Gutachten sein. Eins folgte dem anderen. Das eine sprach sich für den Neubau der Kirche aus, das nächste empfahl, es doch nochmal mit einer gründlichen Renovierung zu versuchen. Wegen der fehlenden finanziellen Mittel leisteten die Gemeindevertreter mit dem Bürgermeister an der Spitze heftigsten Widerstand gegen einen Neubau. So gingen die Jahre ins Land und der Zerfall der Kirche machte keine Pause.
Anlässlich eines akuten Schadens an der Kirche veranlasste Pfarrer Gnau (1856-1874) die Schließung der Kirche. Der Sonntagsgottesdienst fand in Niederbieber statt, die Werktagsmesse wurde im Pfarrhaus mit geöffneten Fenstern zelebriert. Die nachfolgenden Reparaturen hielten nicht das, was man sich davon versprochen hatte. Wegen des Kulturkampfes war Hofbieber 10 Jahre ohne Pfarrer. Diese Funktion nahm in dieser Zeit ein Kaplan wahr. Im Jahre 1884 wurde Peter Heinrich Noll regulärer Pfarrer vor Ort. Mit ihm bekamen die Befürworter eines Neubaus Oberwasser. Gewichtige Unterstützung erhielt Noll vom Fuldaer Bischof Komp, der die Gläubigen, in einer Predigt aus Anlass einer Firmspendung, mit „lieben Worten ermunterte dem Herrn der Heerscharen ein neues würdige Haus zu bauen.“ Allmählich wuchs die Anzahl der Befürworter des Neubaus. In einer Versammlung aller Pfarreieingesessenen, von Pfarrer Noll einberufen, wurden Spenden eingesammelt, so dass eine erkleckliche Summe zustande kam, die den Abriss des alten Baus ermöglichte. Im Februar 1898 begann man mit dem Abriss. Die Aufräumungsarbeiten wurden durch „Frondienstleistung“ der Pfarrangehörigen besorgt. Hier packten vor allem die mit an, die kein Geld spenden wollten oder konnten.
Ein Gedanke nahm während der Planungsphase dann immer mehr Fahrt auf, wenn schon neu bauen, dann richtig, dann soll es auch was Repräsentatives sein, so ist wohl auch Idee mit den beiden Kirchtürmen entstanden. Mit viel Enthusiasmus und Gemeinschaftssinn machte man sich ans Werk.
Als erstes wurde beschlossen, die erforderlichen Ziegelsteine im Rehberg‘schen Acker an der Nässe selbst zu brennen. Zwei Brände wurden gemacht, die nicht nur für den Neubau ausreichten, sondern noch einen namhaften Überschuss ergaben, der dann verkauft wurde und eine schöne Summe Geld erbrachte. Der Sand wurde in eigenen Sandgruben in der Kuhhecke gewonnen und unentgeltlich von den Hüttnern zur Baustelle gefahren. Ebenso verfuhr man mit dem benötigten Mainsand, Kalk und Zement, den die Kleinbauern vom Bahnhof Langenbieber abholten und zum Bauplatz fuhren. Die Pferdebesitzer holten, ohne bezahlt zu werden, die Sandsteine aus Gersfeld, Steinau, Gackenhof und Langenbieber. Diese Touren waren nicht nur zeitaufwendig, sondern verursachten auch Unkosten. Das Bauholz wurde von den Waldbesitzern freiwillig gespendet und angefahren. Die meisten handwerklichen Arbeiten beim Innenausbau wurden von ortsansässigen oder ortsnahen Firmen übernommen.
Am 20. August 1900 wurden die Kreuze auf die 37m hohen Türme gesetzt und Richtfest gefeiert. Am 30. Juni 1901 fand die feierliche Einweihung der neuerbauten Kirche durch den damaligen Bischof von Fulda Adalbert Endert statt. Das Te Deum am Ende des Gottesdienstes wurden von allen mit großer Inbrunst und Andacht mitgesungen. Sicherlich war man auch ein wenig stolz auf das geschaffene Meisterwerk. Doch dieser Stolz hatte natürlich nichts, aber auch gar nichts mit Hoffart (Dünkel) zu tun. Heute hätte ich Pfarrer Wehner leicht Widerrede geben können.
Mit der Neugründung der neuen Pfarrei „Zu den hl. Schutzengeln Vorderrhön“ im Jahr 2025 hat die Kirche in Hofbieber den Titel „Pfarrkirche“ verloren. Die neue Pfarrei hat nun 18 Kirchen, doch nur eine Pfarrkirche und die steht in Schwarzbach.
Alfons Spors
Hofbieber
Wenn Sie weitere Bilder oder Texte zu dieser Kirche haben, schicken Sie bitte alles an Pfarrer Piotr Kownacki: piotr.kownacki@bistum-fulda.de